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Der Falsche

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Jens Johler > Romane > Der Falsche > Rezensionen > Frankfurter Allgemeine Zeitung

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Seite 36 / Mittwoch, 7. Dezember 1994, Nr. 284

Mach die Augen zu, du Falscher

Jens Johler nimmt entschlossen Abschied vom richtigen Leben

Alles dreht sich um Antonia, gleich im ersten Satz. Ben oder auch Dickie, wie Antonia ihn nennt, erzählt uns die Geschichte ihrer gemeinsamen wilden Jahre. Zarten Anfängen folgt ein bunter Strauß kleiner Ewigkeiten, bevor die Affäre ziemlich kläglich scheitert.

Jens Johler, der nach seiner Zeit als Hochschulassistent (Volkswirtschaftslehre) seit 1990 für das Theater schreibt, gestaltet den Handlungsablauf seines Erzählstücks konventionell: immer hübsch der Reihe nach. Durch derlei Schlichtheiten sollte sich indes niemand irreführen lassen. Sie sind Teil des Kalküls. Schon auf den ersten Seiten findet sich die Schlüsselszene, der auch der Romantitel entnommen ist. Sie führt die beiden Hauptfiguren zusammen und greift zugleich schon voraus auf ihre Trennung. Das geschilderte Spiel, scheinbar harmlos und unprätentiös wie vieles in diesem Roman, heißt Augenzuhalten. Natürlich spielt Ben mit Antonia. Auf ihre Frage, wer er sei, antwortet Ben: "Der Falsche." Mit diesem Wort wird alles möglich, und alles ist entschieden. Der vermeintlich Richtige bekennt sich als der Falsche, um als der, der er sein möchte, erkannt zu werden. Und doch wird seine Erwartung enttäuscht werden. Der Richtige, der sich als sein Gegenteil erklärt. kann zuletzt und wahrhaft nur dieses, nämlich "der Falsche" sein.

Die vorgreifende Rationalisierung des Kommenden öffnet die Abgründe einer nachgerade adornitischen Düsternis. Nein, scheint der Roman bekräftigen zu wollen, es gibt kein richtiges Leben im falschen. Aber das ist nur die eine Ebene. Darunter wird eine andere, gleichfalls vertrackte Problematik erkennbar. Ihre Wege werden Ben und Antonia nach Berlin führen, wo sich ihre vormalige Leidenschaft für die Schauspielerei verliert. Stichwort "Ende der bürgerlichen Kunst". Fortan werden sie Politik machen, will sagen, studieren (Volkswirtschaftslehre). Der Roman findet damit zu seinem eigentlichen Thema, der Kapitulation des kleinen Glücks vor den Geboten des Zeitgeistes. Johler zeigt das Milieu der Revolte als ein Milieu umfassender Tribunalisierung. Der universalisierte Protest lockt mit dem Versprechen, jede Last und damit zugleich jenen, wie es einmal heißt "Daseinszweck" abzuschaffen, "der der Lebensmühe wert gewesen wäre". Im Roman genügen Kursivierungen, um die Verschlissenheit des Verheißungsvokabulars vor Augen zu führen: die,,Besitzansprüche" und die "Spontaneität", das "Kollektiv" und der "neue Mensch". Ben und Antonia treiben auseinander, indem sie all dies, wie man zu sagen beliebte, "voll ausleben". Bereitwillig, ja energisch unterwerfen sie sich der protestkonformen éducation sentimentale, um schließlich ihre Liebe in eine "Zweierbeziehung" verwandelt zu finden, deren poröse Bindung schlicht zerfällt.

Eine Lösung gibt es nicht. Statt dessen stellt Johler seine Figuren und vor allem Ben in jene Reihe, der auch Anton Reiser - der Name fällt im Roman - zugehört oder der einst von Friedrich Theodor Vischer porträtierte A. E. Wie jener von der "allgemeinen Tendenziosität, ja Animosität des Objekts" Verfolgte ist Benjamin auch einer: Distinguiertheit aus Ungeschick. Seine Außenseiterschaft ist denn auch vollkommen ungeeignet, als Widerstand oder Verweigerung heroisiert zu werden. Sie ist definiert allein durch das Maß seiner Schwäche.

Auch diese Dimension des Romans findet sich in der Konstruktion jener Schlüsselszene vorgezeichnet. Indem er die falsche Antwort gibt, sagt Ben das Richtige - und doch das Falsche. Auf der Ebene des Textes entspricht solcher Weltverfehlung das ungelenke Schreiben, das gesucht Umständliche einer offen ausgestellten Sprachlosigkeit. "Sie katte ein hübsches, etwas puppenhaftes Gesicht mit leicht hervorquellenden Augen, dunkelblonde Haare, schmale Hüften, einen ansehnlichen Busen und lange, wohlgeformte Beine." Die Schnödigkeit dieser Beschreibung, die mit den Eigenschaflswörtern "ansehnlich" und "wohlgeformt" zweifellos Gipfelpunkte des Bezeichnenden erreicht. durchwirkt den ganzen Roman. Was der erinnernde Ben dem erlebenden voraus hat, verschafft ihm keine Überlegenheit. Es sind vielmehr jene Momente des wortreichen Verstummens, in dem Autor und Erzähler augenblicksweise identisch werden.

Als Romangegenstand ist die Studentenbewegung nicht originell. Was jedoch den "Falschen" von einem "Schönen Vogel Phönix" unterscheidet, sind die unsentimentale Abschiedsgeste und die Wertschätzung literarischer Raffinesse. Ein Epilog wie Jochen Schimmangs "Vom Altern de Hoffnungen", 1979 erschienen, ist bei Johler undenkbar. Sein Ben ist weder ein Enttäuschter noch ein Visionär. Während Schimmang der Revolte die Verfehlung ihrer Ansprüche vorhalten konnte und so der Empörung neue Anlässe erschloß, hinterläßt Johlers Roman den Eindruck eines ebenso aberwitzigen wie zerstörerischen Mißverständnisses. Statt Alternativen zu beschwören, statt aufzurechnen oder auch nur zu widerrufen, setzt Johler auf die diskreten Mittel der Erzählung, auf die Form. Was bleibt, sind der Glaube an die menschliche Schwäche und das Empfinden des Entronnenseins, die sich allein dem Kunstreichtum dieser literarischen Sprache verdanken. Nichts anderes als diese von einer verhaltenen Ironie gebrochene Immanenz bewahrt Johlers Figuren davor, ein weiteres Mal als Fälle wahrgenommen zu werden wie zu Zeiten der Revolte, da man Passionen als Irrtümer bloßstellte und Lebensgeschichte als Farce.

RALF KONERSMANN

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