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Jens Johler > Romane > Gottes Gehirn > Rezensionen > Märkische Allgemeine Zeitung

Märkische Allgemeine Zeitung

Ausgabe vom 9.10.2001

Unheimlicher Fortschritt

- Wie Science-Fiction die Gegenwartsliteratur einholt. Drei deutsche Romane malen die Zukunft aus. - KARIM SAAB - In diesem Herbst kreuzen sich die Gegenwart und die Zukunft. Nicht nur, dass die meisten Romanhelden schon mit dem Euro zahlen. Einige Autoren haben Menschheitsfragen in den Blick genommen und der Zeit vorausgegriffen. Sie müssen nun erleben, wie sie von ihr eingeholt werden.

Während Wissenschaftler einschneidende biotechnologische Entwicklungen serienreif machen, möchten Schriftsteller die Wirkungen auf Individuum und Gesellschaft erkunden. So manche Ausschmückungen in ihren Roman-Szenarien sind eingetreten, als ihre Bücher noch im Druck waren. Bei Jens Johler und Olaf-Axel Burow knicken die Twin-Towers in New York "wie Streichhölzer" ein. [...]

Immer mehr Schriftsteller treibt die Ahnung um, dass die Welt filigraner wird, gefährlicher und anders. Die Zukunft auszuschmücken, haben sie bisher weitgehend der Science-Fiction-Literatur überlassen. Doch am Anfang des 21. Jahrhunderts, da ernsthaft darüber diskutiert werden muss, ob Computer schon bald durch neuronale Vernetzung den Menschen an Klugheit übertreffen, streifen die fremden Galaxien unseren Alltag.

Johler und Burow bekennen im Nachwort zu "Gottes Gehirn", ihrem gemeinsam verfassten spektakulären Wissenschaftsthriller: "Es war für uns immer wieder überraschend festzustellen, wie nah Science und Science-Fiction inzwischen beieinander liegen. Mag auch manches in unserem Roman utopisch oder spekulativ klingen, das meiste geht nicht wesentlich über das hinaus, was zur Zeit in den Laboren der Zukunft gedacht und gemacht wird."

Dem Autorenduo ist es gelungen, die sich anbahnenden wissenschaftlichen Revolutionen als Grundelemente einer spannenden Handlung zu etablieren. Der geniale Plot beruht auf einer Vorgeschichte: Ein Nobelpreisträger namens Blake hatte 1995 eine geheime Konferenz einberufen. Geladen waren Spezialisten ganz unterschiedlicher Felder - Neurobiologen, Ökonomen, Militärhistoriker, Mystiker usw. Der Gastgeber wollte die Spitzenkräfte dafür begeistern, sich sieben Jahre lang im Team auf eine einsame Insel zurückzuziehen, um in aller Abgeschiedenheit eine Gelehrten-Republik mit modernsten Forschungsmöglichkeiten zu betreiben. Ziel der geballten Intelligenz sollte es sein, Denkbarrieren zu überwinden, eine Art höhres Bewusstsein auszubilden und eine völlig neue Stufe der menschlichen Entwicklung anzupeilen. Doch die Geheimkonferenz endete im Streit. Jahre später fällt dem Berliner Wissenschaftsjournalisten Troller auf, dass eine üble Mordserie die Teilnehmer dieser Konferenz dahinrafft. Den Opfern, allesamt Koryphäen, fehlt jedesmal der Kopf, oder es wurde ihnen das Gehirn rausgeschnitten. Troller macht sich auf den Weg, um die noch lebenden Wissenschaftler zu besuchen. Als Interviewer bringt er zunächst deren Visionen und Forschungsergebnisse in Erfahrung, dann lenkt er das Gespräch auf die mysteriöse Blake-Konferenz.

Wer könnte ein Interesse haben, die Prominenten-Gehirne zu sammeln? Das Erschreckende: Fast jeder der Besuchten gerät in Verdacht, denn alle ihre Forschungsprogramme sind monströs. Der Altmeister der künstlichen Intelligenz Lansky könnte der Auftraggeber der Morde sein. Er möchte das Bio-Hirn durch eine digitale Variante toppen. Lansky hält es für möglich, das Gehirn zu scannen, um es dann auf andere Leihkörper zu übertragen. Und er glaubt auch, dass sich die Computer allein weiterentwickeln und ihr Gehirn selber erschaffen werden. "Wir lassen sie neuronale Netze bilden, die nach dem Vorbild menschlicher Nervenzellen im Gehirn geschaltet sind."

Oder war es der Neurochirurg White, der immer noch gekränkt ist, weil er bei der Blake-Konferenz nicht dabei sein durfte? Er wollte doch immer schon beweisen, dass transplantierte Gehirne noch über Bewusstsein verfügen. Die Autoren spielen immer wieder, wunderbar ironisch, mit nachprüfbaren Fakten. Einen Robert J. White gab es wirklich. Er schälte 1963 das Gehirn aus dem Schädel eines Affen heraus und hielt es künstlich am Leben.

Hauptverdächtiger aber ist und bleibt ein Mann namens Adams, der alle Merkmale von Bill Gates aufweist. Er hat die Blake-Konferenz finanziert und träumt von der intelligenten Vernetzung der Gesellschaft und einem Superhirn. In einem spannenden Ritt durch den Parcoure der Wissenschaften weiht das Autoren-Duo auch den wenig vorgebildeten Leser in die derzeitigen Planspiele ein. Der Roman "Gottes Hirn" ist ein bewusstseinserweiterndes, gruseliges Vergnügen.
[...]

Hinzu kommt nun aber: Nach dem 11. September wirken Fiktionen weit weniger fiktiv. Leser wie Autoren haben ihre Unschuld verloren.

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